„Jugendaustausch mit Russland”

fsg-jugend - Juli 2014

Tatort Köln, Deutsche Sporthochschule. Jugendliche haben die Gelegenheit, eine der profiliertesten Sportuniversitäten der Welt kennenzulernen. Es fällt nicht schwer, sprachliche Hürden zu überspringen. Dolmetscher helfen den Jugendlichen, die Kluft zwischen der deutschen und der russischen Sprache zu überwinden. Es hilft gleichzeitig, die eigenen Sprachressourcen im Englischen und in der Völkerverständigung an sich zu aktivieren.

Der Westdeutsche Handballverband (WHV) und die Familien-Sport-Gemeinschaft Nordrhein-Westfalen (FSG NW) machen es möglich, dass sich zehn deutsche und zehn russische Jugendliche kennenlernen. Mit einem abwechslungsreichen Programm ermöglichen sie Abenteuer und Kulturaustausch. „Natürlich kommt der Sport nicht zu kurz”, erzählt Maßnahmen-Leiter Hans-Peter Boeken vom WHV. Im Landesleistungszentrum Handball in Essen-Frohnhausen, wo die 20 Jugendlichen und ihre insgesamt sechs Begleiter(innen) haben sie die besten Voraussetzungen dafür. Der Sport habe ja etwas Völkerverbindendes, ohne dass sprachliche Quantensprünge versucht werden müssten.

In der Deutschen Sporthochschule in Köln müssen sich schließlich die deutschen wie die russischen Jugendlichen die Augen reiben. Sie erfahren nicht nur, dass die Zugangsvoraussetzungen zu dieser besonderen Universität einiges verlangen. Sie lernen die Sportanlagen kennen, sprechen mit Sportlerinnen und Sportlern und erfahren, dass aus aller Welt die Menschen in die Domstadt kommen, um sich auf entscheidende Wettkämpfe vorzubereiten.

Für sportlich Interessierte bietet Köln mehr. So schauen sich die Jugendlichen den Kölner Dom an, dessen Turmbesteigung eine sportliche Herausforderung ist. Anziehungskraft hat jedoch auch das Olympia-Museum am Rheinufer. Faszination hat auch die Signal-Iduna-Arena des Fussball-Bundesligisten Borussia Dortmund und das Borusseum-Museum, in dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des deutsch-russischen Jugendaustauschs mit Fan-Beauftragten über Migration und die Faszination des Sports sprechen.

„Es ist für uns eine ganz fremde Welt, die wir in Deutschland kennenlernen”, erzählen die russischen Jugendlichen. Sie sähen während des deutsch-russischen Jugendaustauschs Orte, von denen ihnen im Deutsch-Unterricht erzählt worden sei. Manchmal wüssten sie gar nicht, wie es ihnen geschehe. Die freudigen Gesichter der Jugendlichen sprechen eine eigene Sprache. Das Lächeln verschwindet kaum aus den Gesichtern. Die Freude an der Begegnung bedarf wohl keiner besonderen Betonung.

Das Kinder-und Jugendkreativzentrum Krasnoufimsk im Ural ist der Partner des Westdeutschen Handball-Verbands und der Familien-Sport-Gemeinschaft Nordrhein-Westfalen. „Es ist ein wechselseitiges Geben und Nehmen”, unterstreicht Hans-Peter Boeken. So finde der Austausch ja nicht nur zwischen den Jugendlichen statt. Es gebe auch jährlich ein Zusammenkommen der Fachkräfte in der Jugendarbeit. In dem einen Jahr treffe man sich im Ruhrgebiet, im anderen Jahr komme man im Ural zusammen. Im Mittelpunkt stehe die Frage, was man voneinander lernen könne, berichtet Boeken. Dass die russischen Austauschpartner der Maßnahme eine große Bedeutung beimessen, zeigt nicht nur die Tatsache, dass beim Austausch in Russland stets die Bleistifte schreibender Journalisten und die Kameras regionaler russischer Regional-TV-Sender dabei sind. Auf der russischen Seite ist Olga Ivanova dabei, die als Jugendamtsleiterin in Krasnoufimsk Kinder-und Jugendzentren verantwortet.

Die Gruppendynamik ist den Verantwortlichen wichtig. Während des feierlichen Abschlussabends haben nicht nur die russischen und die deutschen Jugendlichen die jeweils andere Seite mit nationalen Liedern begeistern müssen. Bei einer Show-Präsentation ist es notwendig gewesen, dass sich zum Beispiel die russischen und die deutschen Jungen in Damenkleidern haben vorstellen müssen. „Dies ist grandios gewesen. Dass wir das Johlen nicht haben unterdrücken können, erscheint wohl selbstverständlich, oder ?", plaudert der 16-jährige Oleg.

Schon beim Abholen haben die deutschen Jugendlichen sich eine(n) russische(n) Partner(in) aussuchen müssen. „Mit dieser Form der Patenschaft oder auch Partnerschaft haben wir von vornherein verhindern wollen, dass es im Bus eine deutsche und eine russische Gruppe gibt. Wir müssen in möglichst vielen Situationen Gemeinsamkeit schaffen”, konstatiert Hans-Peter Boeken. In den kommenden Jahren wird diese Gemeinsamkeit noch spürbarer, wie Boeken ankündigt. Wenn man sich zukünftig im Ural und im Ruhrgebiet begegnen wird, werden die Jugendliche an gemeinsamen Projekten arbeiten. über Abenteuer und das Kennenlernen von Kultur hinaus stehe die Nachhaltigkeit im Blick, kündigt Boeken an und wird den unterstützenden Geldgebern gerecht. In diesem Zusammenhang danken Boeken und Wolfgang Steinert, der die Maßnahme seitens der FSG NW begleitet, der Stiftung Deutsch-russischer Jugendaustausch in Hamburg und der Deutschen Sportjugend in Frankfurt am Main, dem WHV und der FSG NW.

Dass die russischen Jugendlichen die Endphase der Fussball-Weltmeisterschaften in Deutschland erlebt haben, ist eine besondere Erfahrung gewesen. Das Landesleistungszentrum Handball in Essen-Frohnhausen ist während des Halbfinals und des Endspiels in eine Fanmeile verwandelt worden.

„Für uns als Breitensportverband ist es eine tolle Erfahrung, die Spannung zwischen ernsthaftem Jugendaustausch und dem notwendigen gemeinsamen Spaß zu erleben. Es macht Freude, miteinander eine Kathedrale des Sports zu besuchen, aber auch ins Gespräch darüber zu kommen, wie wichtig der Sport für das Leben aller ist, körperlich und in der persönlichen Entwicklung”, wird Wolfgang Steinert geradezu politisch. Mit großen Erwartungen schaut er darauf, dass sich die 20 Jugendlichen im kommenden Jahr im Ural begegnen werden. Die deutschen Jugendlichen würden dann ja auch in eine Welt eintauchen, die ihnen fremd sei. Diese Berührungspunkte würden prägen, den Alltag in der Heimat reflektierter wahrzunehmen.

„Dies können wir ruhig häufiger machen”, ist aus den Mündern der deutschen Jugendlichen zu hören gewesen. Ob sie damit die eigenen kleinen Fanfeste meinen oder den Jugendaustausch al s solchen, lassen die deutschen Jugendlichen offen. Ihnen scheint es aber bewusst, dass sie etwas Besonderes erlebt haben. Sie haben nicht nur besondere Orte erlebt wie die Kölner Sporthochschule oder das Dortmunder Stadion, sie haben Erfahrungen der Völkerverständigung gemacht, die sie nicht vergessen werden.

Text und Bild: Christoph Müller


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