Auf den Laien wirkt der Ausdruckstanz im allgemeinen sehr befremdlich - langsame, fließende Bewegungen, die sich mit ruckartigen, schnellen Bewegungen abwechseln - Arme, die zum Teil wild in der Luft umherfliegen - und plötzlich in sich zusammensackende Tänzerinnen und Tänzer.
Auf dem ersten Blick sieht es wirklich etwas sonderbar aus, befaßt man sich aber ein wenig näher mit dem Ausdruckstanz, lernt man auch recht schnell, ihn zu verstehen und die Bewegungen richtig zu interpretieren.
Bewegungen, welche Emotionen darstellen, sind dabei noch am leichtesten zu erkennen: Freude, Trauer, Mut und so weiter ... lassen sich recht leicht darstellen. Schwieriger sind dann komplexere Themen, ganze Geschichten, die mittels des Tanzes dargestellt werden.
» Tieftanz «
Das Tanztheater
von Rudolf von Laban
» Das künstlerische Erleben ist immer neu; nur die Form der Kunst wird dort alt, wo sie einmal neu war. Jede neue Form aber verlangt Anerkennung und darin liegt die Notwendigkeit des Erkennens.
Je bedeutender die neue Form ist, desto schwerer pflegt das Erkennen zu sein, desto berechtigter ist aber auch die Forderung zum ersten Wollen des Wissens.
Eine solche bedeutsame neue Form der Kunst ist jetzt im Tanztheater im Entstehen begriffen. Allen neueren Bühnentanzwerken, seien es nun Einzeltänze oder Gruppentänze, ist eines gemeinsam: der Tanz, der räumlich harmonisierte Bewegungsausdruck, ist die Hauptsache, während die Musik das malerisch Bildhafte und das pantomimische Element nur mehr oder weniger unterstützende Nebenerscheinungen bleiben.
Tanzkunst: als künstlerischer Ausdruck ganz und gar alles gebend, alle anderen künstlerischen Ausdrucksformen nur als Beihilfe, als nebensächliche Notwendigkeiten.
Wir haben noch keine der großen Öffentlichkeit bekannte Terminologie des Tanzgeschehens und müssen uns daher bei unseren erläuternden Ausführungen auf die Analogie zwischen Tanz und orchestraler Musik oder zwischen Tanz und Dramatik beschränken. So sehr nun im abstrakten Tanz jedes primitive Postulat der Musik oder der Dramatik abgelehnt wird, so sind diese beiden Künste doch wohl geeignet, um aus ihnen eine gewisse Einführung in die Tanzkunst zu finden.
Es gibt Bewegungsfolgen, die sich eindrucksvoll als Hochtänze charakterisieren, sie wirken wie in der Musik der Sopran; ebenso die Tieftänze - wie in der Musik der Baß -, woraus sich übrigens schon die Notwendigkeit des viel umstrittenen Männertanzes ergibt, als Forderung der Ausschöpfung aller darstellerischen Möglichkeiten.
Wir begegnen in der Gliederung einer Tänzergruppe den Typen der Tieftänzer, Mitteltänzer und Hochtänzer. Tanz allein kann die Gefühlsverläufe des Epischen gerade so hervorrufen wie ein Wortepos. Zu höchster Dramatik wird das Erleben in manchen Tanzbildern. Sich überstürzenden Witz, klangvollen Humor vermag der Tanz ins Gemüt zu zaubern.
Das neue Tanztheater hat nunmehr die Aufgabe, alle Möglichkeiten des tänzerischen Ausdrucks zu ergründen und wieder zu einer Synthese zusammenzuschweißen.
Tanz hat Dinge zu sagen, die durch Wort und Schauspiel oder durch Musik gar nicht oder zumindest nicht in so erschöpfender Weise wie im Tanze mitgeteilt werden können.
Nicht jedes Tanzkunstwerk soll und muß eine rein verstandesmäßig verfolgbare Handlung zugrunde liegen. Die Inspiration des Tanzdichters (Tänzer/Tänzerin) greift zu jenen Ausdrucksmitteln, die sein Erlebnis und sein Mitteilungswunsch erfordert. «
Text aus:
» Die Schönheit «
Heft 1 / 1926
4. Rhythmusheft
Autor:
Rudolf von LabanGebieter /
gebietend
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